Gespräche zum Liberalismus #3

„Die Länder des Südens sind erbost“

Die Rivalität zwischen den USA und China läuft auf eine neue Block-bildung hinaus. Es sei unwahrscheinlich, dass sich die großen Länder des globalen Südens auf die Seite des Westens schlagen, meint der spanische Denker Manuel Muniz Villa im Interview mit Liberal. Und weiter: „Sie werden versuchen, nicht zwischen die Fronten zu geraten.”

Interview: Alexander Görlach


Gespräche zum Liberalismus #3

„Die Länder des Südens sind erbost“

Die Rivalität zwischen den USA und China läuft auf eine neue Block-bildung hinaus. Es sei unwahrscheinlich, dass sich die großen Länder des globalen Südens auf die Seite des Westens schlagen, meint der spanische Denker Manuel Muniz Villa im Interview mit Liberal. Und weiter: „Sie werden versuchen, nicht zwischen die Fronten zu geraten.”

Text: Wolfram Eilenberger


Der Angriff Russlands auf die Ukraine zeigt, dass die großen Demokratien Brasilien und Indien, die nicht zum „klassischen“ Westen gehören, für die Zukunft der liberalen Weltordnung ausschlaggebend sind. Nigeria wird am Ende des Jahrhunderts die dritt-, Indonesien die viertgrößte Wirtschaftsnation der Welt sein. Warum hat der Westen die Relevanz dieser Länder so lange falsch eingeschätzt?

Vor der Antwort lohnt sich ein Blick auf die aktuelle geopolitische Situation: Wir erleben einen Shift in der globalen Ordnung: Da ist zum einen der Aufstieg illiberaler Player, von denen die Volksrepublik China der wichtigste ist. Chinas Aufstieg in den vergangenen dreißig, vierzig Jahren kennt keinen Vergleich in der Weltgeschichte. Das hat zur Folge, dass sich die Volksrepublik und die USA als Antipoden gegenüberstehen. Amerika hatte seit einhundert Jahren keinen Mitbewerber mehr, dessen Wirtschaft größer war als seine. Dass dieser Mitbewerber kein demokratischer ist, verschärft die Entwicklung. Zum anderen stellt das revisionistische Russland fundamentale Prinzipien der liberalen Weltordnung infrage – die Souveränität von Nationalstaaten. Und als dritte Koordinate: In den Ländern, die im Arabischen Frühling Hoffnung auf Demokratisierung schöpften, herrscht heute weniger Freiheit als zuvor.

Was ist das Ergebnis dieser Entwicklung der vergangenen zwanzig, dreißig Jahre?

Das Ergebnis ist, dass sich heute wieder zwei Blöcke gegenüberstehen, ein freiheitlich-demokratischer unter der Führung der USA und ein autokratischer unter der Führung Chinas. Und das ist ein Szenario, dass die Länder des globalen Südens erzürnt. Sie sind erbost darüber, dass die USA und China die Welt in diese Form der Blockbildung zwingen und sie damit quasi wieder zum Zuschauer degradiert werden, während Weltmächte über ihr Geschick bestimmen. Die Rivalität zwischen Washington und Peking hat das Potenzial, die ökonomische Entwicklung dieser Länder zu behindern, wenn beide Seiten fordern, sich für eine zu entscheiden. Denn nicht selten ist die Volksrepublik der größte Handelspartner und Investor, allerdings dicht gefolgt von den USA und Europa. Und letztlich sieht der globale Süden die Rivalität als Hindernis, globale Herausforderungen wie den Klimawandel gemeinsam effektiv anzugehen.

Ist der globale Süden mächtig genug, die Blockbildung zu verhindern oder zumindest aufzuhalten?

Die große Mehrheit der Länder, in denen der größte Teil der Weltbevölkerung lebt, will keinem dieser Blöcke angehören. Sie werden alles versuchen, um nicht zwischen die Fronten zu geraten. Wir sprechen von Ländern wie Indien, Mexiko, Chile.

Kann man verkürzt sagen „Geography matters“?
Länder werden sich aufgrund ihrer Lage, ihrer Entfernung zu China und den USA entsprechend positionieren. Nahezu alle Länder in der Nachbarschaft Chinas treiben viel Handel mit Peking, gleichzeitig möchten sie ihre Sicherheit von Washington garantieren lassen. Indien und Brasilien haben sich im Ukraine-Krieg näher an Peking und damit auch ein Stück weit in Nähe zum Kreml positioniert. Wird die neue Weltordnung den Globus wieder nach Hemisphären und Einflusszonen parzellieren und die liberale Phase als Intermezzo in der Weltgeschichte erscheinen lassen?

Die ökonomische Reichweite Chinas hat immense Implikationen für die Sicherheitsarchitektur der gesamten Welt. Chile exportiert so viel nach China wie in die USA und nach Europa zusammen. Südkorea exportiert mehr nach China als nach Japan und in die USA zusammen. China ist der wichtigste Investor in Brasilien. Die Kreditvergabe chinesischer Institute an die Länder Lateinamerikas ist höher als die von IWF, interamerikanischer und lateinamerikanischer Entwicklungsbank zusammen. Sanktionen gegen Peking – etwa wegen einer Invasion Taiwans – würden sich diese Länder kaum anschließen. Das hätte drastische Folgen für ihre Wirtschaft und ihre politische Stabilität.

Diese Entwicklung wurde ja in der Tendenz schon bei den Sanktionen gegen Russland als Strafe für die Invasion in die Ukraine sichtbar.

Was zu Ihrer ersten Frage zurückführt: Warum hat der Westen diese Entwicklung im globalen Süden so lange übersehen? Weil Geopolitik bei dem Entwurf unserer derzeitigen Weltordnung keine Rolle gespielt hat. In den vergangenen dreißig Jahren einer schnellen Globalisierung war die ökonomische Logik der Taktgeber politischer Entscheidungen. Man wird auf unsere jüngere Vergangenheit zurückschauen und sich wundern, warum wir so sorglos weltweite Lieferketten etabliert haben, ohne die Abhängigkeit als Risiko zu klassifizieren.

Chinas Pull führt dazu, dass das Handelsdefizit zwischen Exporten nach und Importen aus der Volksrepublik immer größer wird. Donald Trump hat dieses Defizit ja zu einem Hauptthema seiner Präsidentschaft gemacht. Nach ihm setzt die Biden-Administration den Kurs einer ökonomischen Re-Nationalisierung, eines wirtschaftlichen Isolationismus fort. Auch diese Entwicklung läuft doch der aktuellen liberalen Weltordnung entgegen, oder etwa nicht?

Wir sehen diesen Trend vor allem bei Technologien, die für die Sicherheitsarchitektur von Ländern und Bündnissen relevant sind. Ein Beispiel ist der Zugang zu neuester Chip-Technologie, die die USA und ihre Verbündeten China verwehren wollen, weil Peking sie militärisch nutzen könnte. Unabhängig von einer möglichen Invasion Taiwans wird die Sicherheitspolitik in den kommenden Jahren standardmäßig zu Restriktionen für Investitionen in und den Handel mit sicherheitsrelevanten Technologien führen. Was wir mit Gewissheit sagen können: Die Weltordnung von morgen wird von deutlich weniger ökonomischer Interdependenz geprägt sein.

Diese Vorhersage geht davon aus, dass die bestehenden Institutionen weiterhin die Grundlage der liberalen Weltordnung bleiben werden. Allerdings baut die chinesische Führung bereits an neuen Institutionen, die unter Führung Pekings die Welt neu ausrichten sollen: Die Erweiterung der BRICS-Staaten, die Shanghai Cooperation Organization, das Bestreben, den Yuan zur neuen Leitwährung zu machen. Wenn China hier erfolgreich ist, könnten dann Länder wie Brasilien und Indien ihre Loyalität wechseln und diese neue chinesische Weltordnung ins Werk setzen?

Ich denke, China steht mit dem Ansinnen, eine neue Weltordnung zu bauen, allein auf weiter Flur. Worauf Peking realistischerweise hoffen kann, ist, dass sich eine relevante Zahl von Ländern für die Idee erwärmen wird, sich weder für die eine noch die andere Seite zu entscheiden. Das ist deshalb das „best case scenario“ für die Volksrepublik. Denn die USA verfügen über ein in Jahrzehnten aufgebautes, wirklich weltweites Netzwerk von Allianzen und Partnerschaften. Davon kann Peking nur träumen. In diesem Kontext sind Neutralitätserklärungen für China schon ein riesiger Erfolg.

Chinas Pull führt dazu, dass das Handelsdefizit zwischen Exporten nach und Importen aus der Volksrepublik immer größer wird. Donald Trump hat dieses Defizit ja zu einem Hauptthema seiner Präsidentschaft gemacht. Nach ihm setzt die Biden-Administration den Kurs einer ökonomischen Re-Nationalisierung, eines wirtschaftlichen Isolationismus fort. Auch diese Entwicklung läuft doch der aktuellen liberalen Weltordnung entgegen, oder etwa nicht?

Wir sehen diesen Trend vor allem bei Technologien, die für die Sicherheitsarchitektur von Ländern und Bündnissen relevant sind. Ein Beispiel ist der Zugang zu neuester Chip-Technologie, die die USA und ihre Verbündeten China verwehren wollen, weil Peking sie militärisch nutzen könnte. Unabhängig von einer möglichen Invasion Taiwans wird die Sicherheitspolitik in den kommenden Jahren standardmäßig zu Restriktionen für Investitionen in und den Handel mit sicherheitsrelevanten Technologien führen. Was wir mit Gewissheit sagen können: Die Weltordnung von morgen wird von deutlich weniger ökonomischer Interdependenz geprägt sein.

Diese Vorhersage geht davon aus, dass die bestehenden Institutionen weiterhin die Grundlage der liberalen Weltordnung bleiben werden. Allerdings baut die chinesische Führung bereits an neuen Institutionen, die unter Führung Pekings die Welt neu ausrichten sollen: Die Erweiterung der BRICS-Staaten, die Shanghai Cooperation Organization, das Bestreben, den Yuan zur neuen Leitwährung zu machen. Wenn China hier erfolgreich ist, könnten dann Länder wie Brasilien und Indien ihre Loyalität wechseln und diese neue chinesische Weltordnung ins Werk setzen?

Ich denke, China steht mit dem Ansinnen, eine neue Weltordnung zu bauen, allein auf weiter Flur. Worauf Peking realistischerweise hoffen kann, ist, dass sich eine relevante Zahl von Ländern für die Idee erwärmen wird, sich weder für die eine noch die andere Seite zu entscheiden. Das ist deshalb das „best case scenario“ für die Volksrepublik. Denn die USA verfügen über ein in Jahrzehnten aufgebautes, wirklich weltweites Netzwerk von Allianzen und Partnerschaften. Davon kann Peking nur träumen. In diesem Kontext sind Neutralitätserklärungen für China schon ein riesiger Erfolg.

Manuel Muñiz Villa,
von Haus aus Jurist, ist derzeit Rektor der IE University und Dekan der School of Global and Public Affairs in Madrid. Zuvor war er Staatssekretär im spanischen Außenministerium.

Alexander Görlach ist Journalist und Publizist. Er verfolgt seit Langem, welche Bedrohungen auf die Staaten der liberalen Weltordnung zukommen.

Alexander Görlach ist Journalist und Publizist. Er verfolgt seit Langem, welche Bedrohungen auf die Staaten der liberalen Weltordnung zukommen.

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