Im Kontext

Freiwillig in die Sklaverei?

Die Digitalisierung ist allgegenwärtig – und mit ihr das Interesse an den Daten, die Nutzerinnen und Nutzer im Internet hinterlassen. Die nachlässige Offenheit aber bedroht unsere Freiheit, schreibt der Datenschutzexperte Johannes Caspar.

Text: Sabine Leutheusser–Schnarrenberger


Im Kontext

Freiwillig in die Sklaverei?

Die Digitalisierung ist allgegenwärtig – und mit ihr das Interesse an den Daten, die Nutzerinnen und Nutzer im Internet hinterlassen. Die nachlässige Offenheit aber bedroht unsere Freiheit, schreibt der Datenschutzexperte Johannes Caspar.

Text: Sabine Leutheusser–Schnarrenberger


Kein Tag ohne intensive Datennutzung: Online-Banking oder -Shopping sowie Fitness-Armbänder sind nur die bekanntesten Beispiele für die freiwillige Bereitstellung personenbezogener Daten. Auch der Staat hat großes Interesse an biometrischen Daten. Er setzt Predictive Policing Software ein, also Polizeiarbeit mit der Glaskugel, und wünscht sich anlasslose Massendatenverarbeitung, um besser gegen Terrorismus, Kindesmissbrauch und organisierte Kriminalität vorgehen zu können. Die Gerichtsentscheidungen des Europäischen Gerichtshofs und des Bundesverfassungsgerichts, die diese Vorratsdatenspeicherung verworfen haben, werden ignoriert oder für überwindbar gehalten. Und die Plattformbetreiber brauchen die personenbezogenen Daten ihrer Kunden für ihr Geschäftsmodell.

Hamburgs ehemaliger Datenschutzbeauftragte der Stadt, der Jurist Johannes Caspar, ist profunder Kenner der Datenschutzthemen. Er hat weltweit Standards gesetzt, Datenkonzerne wie Google, Facebook und X – früher Twitter – überwacht und staatliche Einrichtungen kontrolliert. In seinem Buch „Wir Datensklaven“ zeigt er auf, dass Datenprofile heute so wichtig sind wie im Frühkapitalismus Ölquellen und Goldminen. Dabei versteht er den Begriff „Sklave“ als Analogie. „Menschen werden nicht mehr wie früher durch ihre Arbeit ausgebeutet. Sie werden künftig verarbeitet mit ihrer Personalität“, sagt er in einem SWR-Interview. Die Frage sei, was es aus Menschen mache, wenn sie derart ausgebeutet würden. Sie würden zu Objekten, ihre Grundrechte verkümmerten.

Wer Daten nutzen kann, der kann Prognosen und Wahrscheinlichkeitsberechnungen abgeben und damit die Zukunft beeinflussen, so die These des Autors. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) birgt das Potenzial einer umfassenden Innovation in der Wirtschaft, der Medizin und der Bildung. Aber damit gehe auch die Gefahr unkontrollierbarer Technik einher, die zu einem Maschinenzeitalter führt, in dem die Menschheit versklavt und ausgebeutet wird.

Menschen werden nicht mehr ausge-beutet, sondern künftig mit ihrer Personalität verarbeitet.
Johannes Caspar

Johannes Caspar:
„Wir Datensklaven. Wege aus der digitalen Ausbeutung“

Econ-Verlag 2023. 352 Seiten. 24,99 €

Caspar bezeichnet diese Dystopie derzeit noch als Spekulation. Aber das Spannungsverhältnis zwischen Mensch und Maschine wird davon geprägt, dass mehr autonome Maschinen die Freiheit des Menschen einschränken: Menschliches Verhalten, das der Maschinenlogik unterworfen ist, tendiert dazu, die normativen Bezüge der Verantwortung zu verlieren und moralisch nicht mehr hinterfragbar zu sein – keine Kontrolle, keine Verantwortung, keine Freiheit.

Der Autor zeigt die Zusammenhänge der Datennutzung und -verwendung auf, die als Treiber des gesellschaftlichen Wandels unverzichtbar sind. Und er befasst sich mit einer digitalen Wende für mehr Selbstbestimmung, Datensouveränität und Freiheit. In seinem Datenmanifest fordert er die Priorität der Person mit ihrer Würde vor der Gesamtheit der gesammelten Daten. Diese Priorität müsse auch in den KI-Algorithmen verankert werden. Vorrang menschlicher Entscheidungen und diskriminierungsfreie selbstlernende Systeme gehören so selbstverständlich dazu wie die Selbstbestimmung des Einzelnen. All dies müssten Bürgerinnen und Bürger aber selbst wahrnehmen – wir alle.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ist stellvertretende Vorsitzende des Vorstands der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ist stellvertretende Vorsitzende des Vorstands der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.

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